Der Große Terror in der Sowjetunion dezimierte zwischen 1937 und 1938 willkürlich Tausende unschuldiger Menschen und diejenigen, welche die verbrecherische Herrschaft Josef Stalins infrage stellten. Die Opfer waren auch Polen, die nach dem Friedensvertrag von Riga 1921 im Gebiet der Sowjetunion blieben. Am 11. August 1937 gab der Chef des NKWD, Nikolai Jeschow, den Befehl, die sogenannte polnische Operation zu beginnen, die zum Tod von nicht weniger als 111 Tausend unserer Landsleute führte, die unter fiktiven Anklagen ermordet oder in Zwangslager deportiert wurden. Im Prinzip genügte es, nur Pole zu sein, und dies war bereits ein Verdachtsgrund für den NKWD und in Konsequenz Anlass zur Fällung eines harten Urteils. Die Repressionen aus den Jahren 1937-1938 waren ein dramatisches Signal für die Polen jenseits der Ostgrenze, denn sie warnten davor, was ihr Schicksal sein könnte, wenn sie in Zukunft unerwartet in sowjetische Hände fallen sollten.

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PERSÖNLICHE GEGENSTÄNDE DER ERMORDETEN, GEWONNEN AUS DEN GRÄBERN IN KATYN



Eine Reise ins Unbekannte

Die Transporte aus den drei Lagern zu den Hinrichtungsorten begannen in der Nacht vom 3. auf den 4. April oder am Morgen des 4. April 1940. Die NKWD-Angehörigen verbargen vor den Polen das Ziel der Reise bis zum letzten Moment. Vor der Abreise fanden Propagandagespräche und Durchsuchungen statt. Die Offiziere erhielten ein Mittagessen, das im Vergleich zu den vorherigen viel besser und reichhaltiger war. Sie bekamen Proviant für die Reise, 800 g Brot, etwas Zucker und 3 Heringe, zum ersten Mal in Papier verpackt. Übrigens wurde dieses Papier dann von den Gefangenen zum Schreiben von Briefen und Notizen verwendet – die letzten in ihrem Leben. Diejenigen, die in den Lagern blieben, beneideten die Ausreisenden. Es schien ihnen, dass ihre Kollegen in eine bessere Welt oder vielleicht sogar nach Hause fahren würden… Rittmeister Józef Czapski, ein Gefangener aus Starobilsk, erinnert sich, dass es sogar Gerüchte gab, dass die Gefangenen an die Franzosen und Engländer übergeben werden sollten. Diese Fehlinformation war absichtlich. Sie sollte jeglichen Verdacht und möglichen Aufständen vorbeugen. Damals ahnte niemand, dass es die letzte Reise in seinem Leben sein würde. Die Todestransporte erreichten die Hinrichtungsorte nach wenigen Stunden. Die Reisenden hinterließen ihre letzte Spur in den Waggons – die Inschriften: Nachname, Datum oder die Information, dass sie einen bestimmten Ort erreicht haben, die aus Koselsk waren in der Nähe von Smolensk angekommen.

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POLNISCHE KRIEGSGEFANGENE IM JAHR 1939

Stanisław Swianiewicz
Stanisław Swianiewicz

Eine wertvolle Berichterstattung vom Tatort

Der Häftling aus Koselsk, Stanisław Swianiewicz, Professor an der Stefan-Batory-Universität in Vilnius, ein herausragender Spezialist unter anderem auf dem Gebiet der deutschen und sowjetischen Wirtschaft, den die Sowjets verschonten, war einer der wenigen Zeugen, die diese Reise ins Ungewisse überlebte. Man kann sogar die Schlussfolgerung wagen, dass ihn buchstäblich ein paar Minuten von einem tödlichen Schuss in den Hinterkopf trennten. Der Zeuge machte eine Notiz: „Auf dem Platz stand ein gewöhnlicher mittelgroßer Personenbus mit weiß gekalkten Fenstern. (…) Der Bus nahm etwa 30 Gefangene mit und verschwand hinter Bäumen. Er kam etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde später zurück, um die nächste Ladung zu nehmen”. Der Professor erkannte damals nicht, dass seine Kollegen zu diesem Zeitpunkt bereits getötet worden waren.

In folgenden NKWD-Quartieren wurden Polen ermordet: Smolensk, Katyn, Charkiw und Twer, während sie heimlich in namenlosen Grabhöhlen in Bykownia, Katyn, Mednoje und Charkiw (Pjatychatky) begraben wurden. Einige, die jünger und körperlich fitter waren, leisteten Widerstand. Dies wurde durch die später entdeckten Überreste der Ermordeten belegt. Sie hatten ihre Hände mit einer Schnur gefesselt, Schlingen um den Hals gelegt und gleichzeitig die Hände gefesselt, Säcke auf den Köpfen, ihre Mäntel waren mit Schnur umschlungen und der Mund mit Sägemehl gefüllt. In Koselsk konnte die Zahl der mit Seilen gefesselten Offiziere auf etwa 20% (d.h. etwa 800 Offiziere) geschätzt werden. Kriminelle aus dem NKWD ermordeten insgesamt 21.857 Menschen (die virtuelle Ausstellung der Gedenktafeln mit den Namen der Toten umfasst eine geringere Anzahl, da nach den heute bekannten Dokumenten Listen von Menschen darauf platziert sind, die auf Friedhöfen in Katyn, Charkiw, Mednoje und Bykownia begraben wurden – nach dem derzeitigen Stand der Forschung ist dies die genaueste Liste der Ermordeten).

Die ersten Hinrichtungen fanden am 4. April 1940 am Nachmittag statt. Unter den Opfern waren hauptsächlich Offiziere der polnischen Armee und Polizisten. Es gab auch Frauen, z.B. in Katyn starb die Tochter von General Józef Dowbór-Muśnicki – eine Pilotin, Leutnant Janina Lewandowska, die von den Soldaten der Roten Armee während eines Patrouillenfluges im September 1939 abgeschossen worden war. Ein 18-jähriger Oberschüler, Stanisław Ozimek, Sohn eines Polizisten aus Aschmjany, ließ seinen Vater im Lager in Ostashchkow nicht allein. Sie wurden während der Hinrichtung in Twer ermordet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ihr Henker Wassili Blochin war.


Der Mörder im Ledermantel

An den Exekutionen polnischer Offiziere und anderer Kriegsgefangener waren 125 NKWD-Funktionäre beteiligt, von Wachpersonal und Fahrern bis hin zu Beamten unterschiedlichen Ranges und denjenigen, welche die Strafen direkt vollstreckten. Ein russischer Historiker, Nikita Petrov, errechnete die Zahl der Verbrecher anhand der Liste derer, die für die vorbildliche Durchführung der Sonderaktion im Jahr 1940 ausgezeichnet wurden. Heutzutage kennen wir ihre Biographien und ihre Verdienste für den NKWD. Diese Liste der Schande eröffnet, in alphabetischer Reihenfolge, der Fahrer Alexandr Alexandrov und endet mit Wassili Ziltsov, ein Funktionär aus dem Gefängnis in Twer. Der größte Verbrecher in dieser Gruppe war jedoch der Major der öffentlichen Sicherheit, Wassili Blochin. Dieser Henker hat in seiner gesamten kriminellen Laufbahn 10-15 Tausend Menschen ermordet, darunter seine Vorgesetzten und diejenigen, die in Ungnade von Josef Stalin gefallen waren, wie Marschall Michail Tuchatschewski und die Chefs des NKWD, Genrich Jagoda und Nikolai Jeschow. Er nahm auch an den Hinrichtungen von polnischen Polizisten aus Ostaschkow teil. Für die Hinrichtungen bereitete er eine spezielle Kleidung vor: einen langen Ledermantel, eine Mütze und eine Schutzbrille, die das Gesicht bedeckte. Vielleicht wollte er die Uniform nicht mit Blut beflecken. Die Tagesmenge der Hinzurichtenden hat er zunächst auf 300 Personen festgelegt. Dann änderte er ungern seine Meinung und reduzierte die Zahl auf 250. Er sollte damals gesagt haben, dass die Nacht kurz war und die Hinrichtung bei Tagesanbruch beendet werden musste. Auch die Ausrüstung versagte – die Pistolen waren technisch nicht für eine so intensive Nutzung vorbereitet, sie überhitzten. Er organisierte eine Basis, der einem „Stabswagen” glich am Bahnhof, in einem speziellen Salonwagen. Nach den Hinrichtungen wurden dort Saufgelage veranstaltet. Die Verbrecher aus Charkiw, Katyn, Smolensk und Twer haben für die begangenen Taten nie Konsequenzen erlitten.

Wasilij Błochin

WASSILI BLOCHIN


Narcyz Łopianowski
Narcyz Łopianowski

Überlebende des sowjetischen Massakers

Nur 394 Gefangene überlebten die Vernichtung, die aus verschiedenen Gründen ausgewählt wurden (z.B. wegen einzigartiger Berufe, wissenschaftlicher Leistungen, militärischer Verdienste aus der Vergangenheit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Sowjets, Interventionen z.B. aus Deutschland, Italien, Litauen). General Jerzy Wołkowicki, dessen Leben geschont wurde, war, im Jahre 1905, als Fähnrich der zaristischen Armee, ein Held im russisch-japanischen Krieg gewesen, in der Seeschlacht bei Tsushima. Im Gegenzug boten die Sowjets dem Rittmeister Narcyz Łopianowski, der zusammen mit seinen Ulanen im September 1939 etwa ein Dutzend sowjetischer Panzer bei Kadejewtzy in Rauch aufgehen ließ, an, in der Roten Armee auf einem frei gewählten Posten zu dienen. Der Polnische Offizier lehnte das Angebot ab. Trotzdem überlebte er, weil das Lager in Koselsk bereits abgewickelt war. Das italienische Königshaus hingegen setzte sich für die Freiheit von Rittmeister Józef Czapski ein, indem es die Deutschen zu jenem Ziel nutzte, da diese 1940 noch Verbündete der Sowjets waren. Schließlich stimmte z.B. General Zygmunt Berling mit einer Gruppe von einigen anderen Offizieren der Zusammenarbeit mit den Sowjets zu.


Ein Durchbruch in der Sache des Verbrechens

Bis zum Frühjahr 1943 suchten die polnischen Behörden erfolglos nach den vermissten Offizieren. Die meisten Initiativen wurden vom Ministerpräsidenten der polnischen Regierung, General Władysław Sikorski, und dem Befehlshaber der polnischen Streitkräfte in der UdSSR, General Władysław Anders, unternommen. Im April 1943 hat die deutsche Propaganda die Entdeckung von Gräbern polnischer Offiziere in der Nähe von Smolensk an die große Glocke gehängt. Die Deutschen, ihrer Unschuld gewiss, führten damals die größte Propagandaaktion der Kriegsjahre durch, unter anderem organisierten sie massenhaft Reisen nach Smolensk und Katyn. An ihnen nahmen etwa 31 Tausend Menschen aus dem gesamten besetzten Europa, aus neutralen Ländern und Soldaten der Wehrmacht teil. Die Deutschen brachten auch über 60 Polen hin. Einige Teilnehmer der Reisen nahmen aus Katyn Schulterklappen von Uniformen, Knöpfe und Schnüre mit denen die Hände der Ermordeten gefesselt worden waren, mit zurück. Einer der Ärzte, der Däne Helge Tramsen, nahm den Schädel eines polnischen Offiziers mit.

Das Ziel der deutschen Propaganda war klar: das Bündnis zwischen den Alliierten – den Angelsachsen und den Sowjets – zu brechen. Der Plan scheiterte. Die Engländer und Amerikaner stellten sich aus militärischen Gründen (schließlich konnte Stalin jederzeit Tausende von Soldaten an die Front schicken, und die Möglichkeiten Polens waren bereits erschöpft) auf die Seite der Sowjets. Sie opferten jedoch die polnische Exilregierung und die gesamte polnische Nation. Dies kann als der Beginn der Katyn-Lüge angesehen werden, deren Ausmaß von den Sowjets im Januar 1944 nach den gefälschten Befunden der Nikolai-Burdenko-Kommission verstärkt wurde.

Ekshumacja
EXHUMIERUNG, 1943


Die Folgen des Massakers von Katyn

Der Mord von Katyn war nicht nur Völkermord. Es war in erster Linie eine geplante Ausrottung der polnischen intellektuellen Eliten. Auch die These, dass die Sowjets im Jahre 1940 Rache für die Niederlage der Bolschewiki in der Schlacht bei Warschau 1920 nahmen, ist gerechtfertigt. Die Tatsache, dass fast zur gleichen Zeit, als die NKWD-Verbrecher Polen ermordeten, andere NKWD-Funktionäre die zweite Deportation der polnischen Bevölkerung tief in die Sowjetunion in den östlichen Grenzgebieten durchführten, ist ebenfalls ein Grund für diese Vorgehensweise. Sie betraf die Familien der Katyn-Opfer, die sich zwanzig Jahre zuvor in den östlichen Grenzgebieten niedergelassen haben, mit der Aufgabe, die Wirtschaft zu entwickeln und das nationale Bewusstsein und die polnische Kultur zu fördern.

Die ermordeten Offiziere (von denen die meisten im September 1939 aus der Reserve zum Militärdienst einberufen wurden) machten etwa 30% der Polen mit höherer Bildung aus. Unter den Opfern waren mehrere hundert bedeutende Wissenschaftler (mit Professortiteln), soziale und politische Aktivisten, Ärzte, Schriftsteller, Journalisten und Sportler – Olympioniken. Ihre Abwesenheit war nach dem Kriegsende besonders deutlich spürbar.

Es war nicht das einzige Drama, welches aus dem Verbrechen resultierte. Ein anderes betraf das Schicksal des polnischen Staates und seiner Bürger. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der polnischen Regierung und der Sowjetunion im April 1943 sank der Rang der polnischen Exilbehörden dramatisch (die Polen wurden nicht mehr als Gäste, sondern als Eindringlinge behandelt). Die Engländer und Amerikaner stellten sich im internationalen Diskurs über Katyn auf die Seite der Sowjetunion. Gleichzeitig unterstellten sie Polen und andere mitteleuropäische Länder dem Kreml. Josef Stalin schuf in diesem Teil Europas seine Einflusszone und errichtete in den unterworfenen Ländern eine kommunistische Herrschaft. Die gesamte Region trennte er durch den so genannten Eisernen Vorhang von dem übrigen Teil Europas. Und noch eine Sache. Nach 1945 stand bereits fest, dass die Polen aus dem Exil nicht ins Land zurückkehren würden…


Prof. Tadeusz Wolsza

Seit 2008 recherchiert Professor Tadeusz Wolsza über das Massaker von Katyn, die Standpunkte von Journalisten in der Volksrepublik Polen und die Zusammenhänge zwischen Sport und Politik im 20. Jahrhundert. Sein wissenschaftliches Schaffen umfasst etwa 250 Veröffentlichungen.

Seit mehreren Jahren ist er Leiter der Zeitschrift Dzieje Najnowsze (Die Jüngste Gesichte). Er ist Mitglied des Kollegiums des Instituts für Nationales Gedenken und des Museumsrats im Museum des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk.